Was fehlt, ist der politische Wille

BILD### befragte Aktivisten nach ihrer Motivation, an den Gipfelprotesten teilzunehmen. 1: Andreas Schönherr*

### 6/2007
Die verschiedenen Formen der Gipfelproteste, wie Demonstrationen, Blockaden, Workshops und Podiumsveranstaltungen mit internationalen Gästen sind in diesem Jahr zwar Höhepunkt für alle gesellschaftskritischen und emanzipatorischen Bewegungen, aber sie sind Bestandteil einer Vielzahl von ganzjährigen Aktivitäten und Veranstaltungen. Ich erhoffe mir durch den Bezug zum G8-Gipfel mehr Resonanz der Inhalte in den Medien.

Die Motivation für meine politischen Aktivitäten erwächst aus einem tiefen Gerechtigkeitsgefühl verbunden mit der Erkenntnis, dass unsere kapitalorientierte Wettbewerbsgesellschaft sehr viele Schwächen aufweist, welche die weltweite Angleichung der Lebens- und Arbeitsbedingungen aller Menschen und konsequenten Umweltschutz verhindern oder sogar vermindern. Die Regeln des GATT, Washingtoner Consensus, GATS und TRIPS und die Durchsetzung dieser Regeln durch WTO, IWF und Weltbank haben die Lebensbedingen in den sogenannten „Ländern des Südens“ verschlechtert und regionale Wirtschaftsstrukturen zerstört.

BILD

ANLIEGEN LEICHT DURCHSCHAUBAR: DIE PIONIERE GRÜSSEN DAS POLITBÜRO. SO
STELLT SICH DIE BUNDESREGIERUNG »G8-KRITIK« VOR: MERKEL MIT EINER MINI-
ANNE-WILL AUF DER SO GENANNTEN G8-ARBEITSSITZUNG MIT »J8-JUGENDLICHEN«
IM PARK-PAVILLON HEILIGENDAMM

Für die Beschäftigten in den „westlichen“ Industriestaaten bedeutet der globale und auch innereuropäische Wettbewerb Arbeitsverdichtung, Diskriminierung, unbezahlte Mehrarbeit und zunehmend unfaire Arbeitsbedingungen, Existenzangst vor Verlust des Arbeitsplatzes und Zunahme von Erkrankungen bis hin zu Herzinfarkt oder Schlaganfall. In Deutschland werden ErwerbsarbeitsSuchende und ihre Kinder und Familien unter dem Tenor „Fördern und Fordern“ diskriminiert, ausgegrenzt und in die Armut getrieben. Ein-Euro-JobberInnen und die neuen sogenannten BürgerarbeiterInnen verdrängen entweder qualifiziertes Personal oder werden bei entsprechender eigener Qualifikation unterbezahlt, so dass Tarifverträge unterwandert werden. Immer weniger Steuereinnahmen führen zum Rückgang der öffentlichen Daseinsfürsorge und zu Verteuerung durch Privatisierung und öffentlich-private Partnerschaften.

Die Soziale Marktwirtschaft als in Deutschland favorisiertes Gesellschafts- und Wirtschaftssystem wird mit der Begründung legitimiert, dass sie die Persönlichkeitsrechte und Würde der Menschen und ein Leben in Freiheit am Besten sicherstellen kann. Dies erleben viele Menschen aus vielfältigen Gründen ganz anders. Wettbewerb, Leistungsdruck und Gewinnstreben werden als Triebkraft für Innovation, Forschung, effizientes Wirtschaften und das Streben nach bestmöglichen Angeboten für die Menschen angesehen. Ohne Wettbwerb kein Fortschritt! Basierend auf internationalen Erkenntnissen der neurobiologischen Forschung lässt sich aber aussagen, dass die Motivation der Menschen primär aus Kooperation und Resonanz erwächst und Konkurrenz und Egoismus Menschen eher krank machen. Literaturempfehlung: „Prinzip Menschlichkeit“ von Joachim Bauer.

Deshalb denken wir über Alternativen nach und leben sie vor, zum Beispiel durch den Kauf fair gehandelter und ökologischer Produkte, Bezug von Ökostrom, Beteiligung an Genossenschaften und Benutzung bzw. Unterstützung freier (OpenSource-)Software, freier Musik und anderer freier Projekte basierend auf Creative Commons Lizenzen. Ich hoffe, dass wir immer mehr Menschen auf diesem Weg mitnehmen können, um so die Basis für den Aufbau gemeinwohlorientierter, solidarischer und kooperativer Wirtschaftsstrukturen zu schaffen. Deutschland und Europa könnte weltweit zum Vorbild für ein gesundes Nebeneinander klein- und mittelständischer Unternehmen in sinnvollen regionalen Wirtschaftskreisläufen mit weltweiter Vernetzung werden. Was fehlt ist der politische Wille.

*Andreas Schönherr ist aktiv für attac und weitere Dresdner Initiativen für Globale Soziale Rechte

TITELFOTO: ARCHIV
FOTO MERKEL „J8“: OFFIZIELLE BILDER DER BUNDESREGIERUNG

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