Geschichte wird gemacht

Der G8-Gipfel in Heiligendamm und die Tage danach. Von Jule Nagel

LINKS! 6/2007
Eines ist auch so kurze Zeit vor dem G8-Gipfel sicher: den von vielen im Munde geführten Auftrieb für linke, zivilgesellschaftliche Kräfte hat er mit Sicherheit nach sich gezogen: Bündnisse, in denen sich kirchliche über gewerkschaftliche, Partei- bis hin zu linksradikalen Kreisen zusammenfanden –  zur guten Kooperation fanden oder an kritischen Punkten auseinander fielen – Aktionen, kritische Debatten über die kapitalistische Weltwirtschaft und Alternativen zu ihr, ein vorher undenkbar geglaubtes Zusammenrücken gegen die Repressionsversuche des Staates. Dies sind bereits jetzt festzuhaltende Ergebnisse der Heiligendamm-Mobilisierung.

Die Internationale Auftaktdemonstration am 2. Juni in Rostock wird ein wichtiges Symbol sein: für die 8 RegierungschefInnen, die sich vier Tage später medienträchtig über die systembedingten Problemlagen der Welt unterhalten und über die Kritik arrogant hinwegsehen werden. Vor allem aber ein aktivierendes Zeichen für Veränderungen nach links – für ein Mehr an sozialer und demokratischer Teilhabe und dies über den nationalen Tellerrand hinaus!


Allein aus Sachsen werden mindestens dreizehn Reisebusse nach Rostock fahren, hinzukommen zahlreiche Zug- und AutofahrerInnen wie auch die ökologisch am verträglichsten reisenden Fahrradkarawanen.

Nach dem 2. Juni wird eine Vielzahl von thematischen Aktionen – gegen Krieg, soziale und rassistische Ausgrenzung – stattfinden, bis am 6. Juni mit dem Eintreffen der G8- HonoratiorInnen die „heiße Phase“ der Aktionen beginnt: der Flughafen Rostock-Laage und die Zufahrtsstraßen zum per Zaun abgeriegelten Tagungsgelände im Kempinski-Hotel Heiligendamm sollen blockiert werden. Beide Aktionen des zivilen Ungehorsams werden von zahlreichen Akteuren und Initiativen unterstützt und stellen den wohl direktesten Versuch der Intervention in das offizielle Gipfelgeschehen dar.

Es lohnt sich die alltäglichen sozialen Demütigungen oder Einschnitte der sowieso engen demokratischen Mitbestimmungsmöglichkeiten nicht einfach hinzunehmen. Dass es gelang gegen die lang dauernde Ablehnung der staatlichen Stellen 12.000 Menschen Übernachtungsmöglichkeiten in den drei Protest-Camps zur Verfügung zu stellen oder mit der Ehm-Welk-Schule in Rostock Evershagen einen zentralen Koordinationspunkt für die Proteste zu haben oder die per polizeilicher Allgemeinverfügung versuchte Verhängung eines in der Geschichte der BRD einzigartigen Demonstrationsverbotes für eine Fläche von 40 Quadratkilometern in der ersten Instanz zurückzuweisen sind praktische Erfolgsbeispiele. Gibt der deutsche Rechtsstaat also Möglichkeiten her, Protest im System harmonisch zu integrieren, wenn die zur Verfügung stehenden Rechtsmittel ausgeschöpft werden oder weisen die Durchsuchungen von Zentren und Wohnungen, das Öffnen von Briefen, die Körpergeruchsproben usw. darauf hin, dass der deutsche Rechtsstaat die Protestbewegung doch als relevante, den Status quo bedrohende Kraft betrachtet?

„Wachstum und Verantwortung“ ist die Tagungsagenda der „Großen Acht“ überschrieben. WIR machen eine andere, eine bessere Welt, als es die Sicherung von Investitionsfreiheit zu den von der westlichen Wohlstandswelt fixierten Konditionen verspricht, eine Welt in der ökologische Standards nicht nur im Einklang mit der Sicherung eines stabilen Wirtschaftswachstums gedacht werden oder das gesundheitliche Wohl von Menschen nicht vom Profitkalkül abhängt,  wird dieser Leitlinie in den ersten Tagen des Junis 2007 offensiv entgegengehalten werden. Den möglicherweise von Heiligendamm ausgehenden Funken in alltägliche Energie gegen den in jeglicher Hinsicht entmündigenden kapitalistischen Wahnsinn umzusetzen, ist das was bleiben kann und muss!

Für alle Kurz- oder Langentschlossenen sei an dieser Stelle auf die Protestcamps in Rostock, Reddelich und Wichmannsdorf verwiesen, in denen genächtigt und sich für Aktionen vernetzt werden kann. Unter www.camping-07.org finden sich die notwendigen Daten. www.gipfelsoli.org bündelt alle Informationen über die Proteste. Und der Ermittlungsausschuss, vom 28.05. – 12.06.2007 unter der Nummer 038204768111 Nummer zu erreichen, gibt Unterstützung in Repressionssituationen.


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