Bruch. Aber womit? Eine Replik.

BILDMichael Brie und Lutz Brangsch wandten sich mit einem Artikel [→] zur Debatte um die Gewalt bei G8 an die linke Öffentlichkeit. Ingo Groepler-Roeser zur Diskussion

In Reaktion auf die Geschehnisse in Heiligendamm im Frühjahr/Sommer 2007 haben Lutz Brangsch und Michael Brie[1] auf die Ursache einer Sackgasse des Widerstandes, ich nehme an, auf die dort herrschende Gewalt hingewiesen.[2] Darin kommen die beiden Autoren zu verschiedenen, aus meiner Sicht eher abstrakten Ergebnissen aus einer eilfertigen Analyse. Ob nun diese beschleunigte Zusammenfassung mit einem solch eilfertigen Schluss: „Offensichtlich ist Zeit für einen Bruch. Let’s make it real.“ (ebd., Brangsch/Brie) tatsächlich jetzt schon beendet werden kann, denn ein Bruch ist ein eindeutiges Ende, das sei zunächst dahin- und in den Raum der Auseinandersetzung wieder zurück gestellt. Vielmehr soll der Charakter des ominösen Bruches anhand seiner Herleitung im Text selbst untersucht werden, um herauszufinden, welchen Interessen oder Neigungen diese Empfehlung wohl folgen möchte.

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Wer will sich von wem losbrechen, seine Verbindung mit ihm ‚brechen’? Welche Methode steht in der Kritik? Ist es Gewalt allein, die Reaktion auf sie oder die (jeweils konkreten) Auslöser von Gewalt? Ersteres würde den Bruch mit aller Gewalt bedeuten. Eine Verbindung zur Gewalt hat es aber nie in der öffentlichen Darstellung gegeben. Auch die beiden Autoren gehören nicht zu den Gewaltbereiten in der Gesellschaft und ebenfalls können sie nicht in den Verdacht geraten, vom Pult aus mit Steinen zu schmeißen oder jemals von da aus explizit zu einer Gewalt aufgefordert zu haben.

Doch bevor die beiden Autoren noch versehentlich in die „Schutzhaft“ geraten, stellt sich eine weitere Frage: Geht es um die Ablösung der Linken oder Attacs vom schwarzen Block? Und falls ja, fühlt sich der schwarze Block in natürlicher Weise der Linken oder überhaupt einem System oder einer Institution ‚verpflichtet’? Soweit bekannt, dürfte dies ebenfalls nicht der Fall sein, weswegen nun also trotz aller richtigen Beschreibung des G8-Charakters und seiner Folgen nicht geklärt ist, ob man sich von jemandem trennen kann, der von der Verbindung nichts weiß bzw. deswegen ohne jede Empörung das Ende eines ‚Stalkings’ hin nimmt. Brangsch und Brie stiften also zunächst eine gewisse Verwirrung, die ihnen allerdings aufgrund der wesentlich breiter wahrgenommenen und allgemeinen Verwirrung kaum zur Last zu legen sein dürfte. Soviel zur Entschuldigung.

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»Käfige für Gefangene, Prügel auf „ungeschützte“ Körper und „blutige Kleider“ sind ein bitterer Vorgeschmack auf das, was u.a. in Lateinamerika und Afrika leider inzwischen zum
Alltag der Armen gehört. Dort wird – nicht so ganz
nebenbei – haltlos staatlich gemordet. Der Bruch
also ist bereits vollzogen, die Kreide liegt auf der
„anderen Seite“…«

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Der Staat: „Gewaltloser Widerstand ist Gewalt“

In den letzten Wochen hat es aber auch bei Attac zahlreiche Auseinandersetzungen gegeben,[3] die ähnlich annehmen lassen, dass ein ‚radikal erreichter’ Friede immer noch besser sei, als Gewalt gegen Gewalt, also Gegengewalt. Das erinnert ohne jede politische Belastung ein bisschen an Heinz Rudolf Kunzes zynische Her- und Ableitung von: „Gewaltloser Widerstand ist Gewalt“[4] nur in seiner Verkehrung aus ganz und gar linker Sicht. Freilich kann es nicht zum Planungsprozedere eines Widerstandes gegen Staatsgewalt bzw. international abgesprochene Polizei- und Militärgewalt gehören, Gewalt per se als demnach grundsätzliches, gar regulierendes und annehmbar erfolgreiches Mittel einzustufen und deswegen ihre Anwendung in irgend einer Weise zu befürworten. In den Tagen darauf meldet sich der Autor Raul Zelik zu Wort[5] und bringt die Sache auf den Punkt, in dem er sich an Peter Wahl von Attac wendet, der sich im Deutschlandfunk nicht nur von den „Chaoten“ distanziert hat, sondern künftig mit „materiellem Fernhalten“ drohte. Gleichzeitig räumt Wahl aber ein,[6] dass sich dieser die Polizei angreifende Block in Rostock („grosso modo“ 50 Leute) ohne Wissen und vor allem: ohne Bekanntheit eingeschlichen und vor der Eskalation gelöst hatte. Zwischen den Organisatoren und dieser gewaltbereiten Gruppe scheint also keine Verbindung zu bestehen. Raul Zelik sieht diese Aussagen nicht ganz so entspannt und friedlich, wie Peter Wahl von Attac und fordert ihn daher in seinem offenen Brief „Blutige Kleider“ auf, über den Zusammenhang zwischen der „mit der Position der Macht identisch[en]“ Gewalt und der möglicherweise daraus resultierenden Gegengewalt (wovon erstere wiederum nach Zelik gesellschaftlich akzeptiert sei) noch einmal nach zu denken. Weiterhin steht, ebenfalls Zelik richtigerweise, zu bedenken, in wie weit das Einprügeln auf „ungeschützte Körper“ sich von dem – wohl dann offensichtlich auf geschützte Körper – unterscheide. Eine ähnliche Herangehensweise ist in dem hier kritisierten Papier von Brie und Brangsch, allerdings egalisierend, zu finden: „Das Prinzip eines ‚überwältigenden Konsenses‘ muss durchgesetzt werden, Grenzen sind zu ziehen, oder aber gemeinsames Handeln ist nicht länger möglich.“ (ebd., Brangsch/Brie) Was aber ist ein solcher „überwältigender Konsens“? Meint dieser Begriff den mehrheitlich und bereits darin enthaltenen Konsens über den gewaltlosen Widerstand, den es innerhalb der Linken und der ihnen nahestehenden sozialen Bewegungen seit Jahren, gar Jahrzehnten gibt? Wahrscheinlich nicht. Hier geht es um einen neuen Konsens, welcher die Ausgangsform der Gewalt auch neu zu definieren bzw. zu beseitigen sucht. Aber es sieht glücklos aus und findet keinen Widerhall, weil es eine bekannte grundlegende Situation beschreibt, was Lutz Brangsch und Michael Brie da (an wen eigentlich?) als Botschaft verkündet haben. Sie bedenken bei ihrer äußeren Wahrnehmung nur knapp, dass – wie Peter Wahl sich abstandstreu und folgerichtig äußerte, der Schwarze Block keineswegs der militante Arm von Attac ist, sondern weder politisch noch strukturell „assimiliert“ und daher, also innerhalb Attacs nicht homogen handelt.

Hochdifferenzierter Bewegungscharakter

Andererseits aber halten Brangsch und Brie (bzw. die Linke in der Programmatik) u.a. Attac für den sozialen Arm der Linken. Da mag es gelegentlich und inzwischen häufiger zu einer projektbezogenen Zusammenarbeit zwischen beiden und weiteren Bewegungen kommen aber als eine in der Form, wie sie Brangsch und Brie lösen würden, existiert sie institutionell und ideologisch homogen weder zwischen den Linken, Attac und dem schwarzen Block nicht. Sie wird auch – ohne diese wenig wünschenswerte Formel Gleichheit – kaum irgendwann über ein konkretes Abkommen herstellbar oder einzuhalten sein, weil Initiativen und Beteiligte zwar weit verzweigt und vernetzt sind, aber sich aufgrund ihrer enormen Differenzierung gerade mit breiten politischen Forderungskatalogen auszeichnen. Zudem lebt ihre Struktur von starken Fluktuationen. Der Tenor des Textes, welcher von einer „gescheiterten Strategie“ spricht, scheint seine Wirkung vor dem Hintergrund zu verlieren, als er nur unterstellt, dass Attac den „Schwarzen Block“ strategisch in den Protest in Rostock eingebunden hätte. Der eingeflochtene Bezug auf das Weltsozialforum (WSF) erlangt in diesem Zusammenhang eine nebensächliche Bedeutung. Aber deutlich wird eines und das gilt es weiter zu diskutieren, wenngleich ohne die avantgardistische Kritik, die im Unterton mitschwingt:

Die neue globalisierungskritische Bewegung hat sich immer wieder mit der Frage der Gewalt auseinandergesetzt. Aber sie hat sich nie mit den unterschiedlichen Logiken von Anti-Gipfel-Protesten einerseits und Weltsozialforen andererseits auseinandergesetzt. Man versuchte, die Einheit ausschließlich über die gemeinsamen Forderungen des Gipfelprotests herzustellen, ohne die Frage der Formen ernsthaft zu diskutieren.

Und also sprach…

Es ist auch bei der nun angestoßenen parteipolitischen, gesellschaftlichen und der Debatte der NGOs darüber von großem Interesse sowohl von Attac-Aktivisten als auch von linken Parteipolitikern zu erfahren, welche Form denn nun die richtige ist, wenn beide die atemberaubende Politik der G8 bisher nicht anhalten konnten. An weiteren wissenschaftlichen Erläuterungen besteht zwar ein breites Interesse derer, die das Lesen und Schreiben beherrschen, andere jedoch haben bedauerlicherweise weder dafür ausreichende Kenntnisse, noch haben sie und ihre Familien Zeit, bis zum nächsten Jahrhundert zu warten. Die (teilweise beantwortete) Frage ist eigentlich, wovon die Gewalt ausgeht und damit ist klar, dass wir mit der Gewaltlosigkeit nicht uns, sondern die ausgebeuteten Menschen auf anderen Kontinenten auf das Opferfeld stellen, die sich keinen Anwalt leisten können – so sehr die tragischen Ereignisse und Einzelschicksale in Rostock/ Heiligendamm im Juni 2007 ebenfalls dazu beitragen müssen, das System „Kapitalismus in Deutschland“ vermöge seiner Degeneration in demokratischen Fragen zu überdenken.

Damit selbstverständlich eröffnet sich für Globalisierungsgegner aus traurigem aktuellen Anlass auch der Diskurs darüber (erneut), ob und wie eine Globalisierung unter kapitalistischer Direktion überhaupt unter gewaltbereiten und repressiven Bedingungen mitgestaltbar wäre. Käfige für Gefangene, Prügel auf „ungeschützte“ Körper und „blutige Kleider“ sind ein bitterer Vorgeschmack auf das, was u.a. in Lateinamerika und Afrika leider inzwischen zum Alltag der Armen gehört. Dort wird – nicht so ganz nebenbei – haltlos staatlich gemordet. Der Bruch also ist bereits vollzogen, die Kreide liegt auf der „‚anderen Seite“ und jeder Strich durch die Rechnung bedeutet Isolation für jene hier, die von einer Strategie der Funktionäre nichts – erst hinterher – erfahren haben. That’s real!


BILDBEARBEITUNG/MONTAGE: TS FÜR ### ONLINE

Anmerkungen des Autors

[1] Michael Brie ist stellvertretender Vorsitzender der Rosa Luxemburg Stiftung, Lutz Brangsch ist Mitarbeiter (in) der RLS, Politische Bildung, Bereichsleiter [←]
[2] Lutz Brangsch/Michael Brie, In der Sackgasse – oder: Mittel beherrschen Ziele, Eine gescheiterte Strategie [GEHE ZUM ARTIKEL →] [←]
[3] www.attac.de, Deutschlandfunk, Junge Welt u.w.m. [←]
[4] … den der ehemalige Bundesinnenminister des Inneren (bis 1989), Friedrich Zimmermann (CSU) gesagt hat [←]
[5] Raul Zelik, Blutige Kleider, Junge Welt vom 7.6.2007 [←]
[6] Peter Wahl im Interview, Deutschlandfunk, Attac-Vorstand will Gewalttäter von Demos fernhalten v. 4.6.2007 [EXTERNE WEBSEITE →] [←]

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