Scheingefecht mit der „Antisemitismuskeule“


Israel-Kritiker unter Generalverdacht – meint Jonny Michel

11/2006

Die rot-weiße Fahne mit der Zeder, das Banner des Libanons, macht sicher einen friedlicheren Eindruck als die gelbe Standarte mit Kalaschnikow der Hizbullah. Dennoch sitzt die „Partei Alis“ mit im Parlament, weil sie eben von Teilen der libanesischen Bevölkerung gewählt wurde. Immerhin beträgt der schiitische Anteil im Zedernland ungefähr 40 Prozent. Es ist also müßig darüber nachzudenken, so wie die Verfasser des offenen Briefes zu den jüngsten Auswüchsen des Nahost-Konfliktes, warum wohl die libanesische Regierung zur Entführung der beiden israelischen Soldaten zurückhaltend reagierten. Zu tief sitzen noch die Erfahrungen des fast fünfzehnjährigen Bürgerkrieges zwischen Moslems und Christen. Aber das sei, wenn auch gleich zu Anfang, nur nebenbei erwähnt.

War der Brief* schon eine Art Ohrfeige gegen die Friedensbewegungen, die es in allen Lagern des Nahen Ostens gibt, so setzt der Beitrag „Reflexe“ noch einige weitere Ungereimtheiten drauf. Beispiel Wortwahl: Da ist nicht von Krieg die Rede, sondern von „militärischem Vorgehen“. Besser kann man wahrlich den jüngsten Krieg Israels gegen den Libanon nicht verharmlosen. Spätestens beim Wahrnehmen der Bezeichnung des Krieges mit „Operation Gerechter Lohn“ sollten die Alarmglocken schrillen, bedarf es doch keines weiteren Beweises dafür, daß die Aggression kein Verteidigungskrieg, wie es von Israels Präsident Olmert verkündet wurde, sondern ein Rachefeldzug in alttestamentarisch fundamentalistischer Manier war. Ebenso verharmlosend dürfte sein, wenn die „Masse der Opfer dieser Auseinandersetzung…“ als „fatal und verurteilungswert“ deklariert wird. Das Töten von hunderten Zivilisten ist nicht „fatal“, das ist ein Verbrechen.

»der Begriff „Antisemitismus“ eine Inflation erfährt, die den eigentlichen Antisemitismus und dessen Auswirkungen relativiert«

Auffällig, dass in den letzten Jahren der Begriff „Antisemitismus“ eine Inflation erfährt, die den eigentlichen Antisemitismus und dessen Auswirkungen relativiert und als „Antisemitismuskeule“ missbraucht wird. Anders ist die Forderung im Beitrag „Reflexe“, nach einer „Abkehr von antizionistischen, antisemitischen Versatzstücken, die einem klassischen antiimperialistischen Weltbild innen wohnen“ nicht zu verstehen. Abgesehen davon, dass die Bezeichnung „klassisches antiimperialistisches Weltbild“ suggerieren soll, es gäbe ein modernes diesbezügliches Weltbild, was dann natürlich ein beliebiges wäre, ist die Vermischung oder Gleichsetzung von „antizionistisch“ und „antisemitisch“ fragwürdig. Zwar ist Antisemitismus immer auch antizionistisch, jedoch nicht umgekehrt. Bekanntlich gibt es unter den Juden nicht wenige, die den Zionismus ablehnen, fußt er doch auf einer rein weltlichen Auslegung der Religion. Traditionell gesehen ist der Zionismus eine nicht durch den Glauben gedeckte Vorwegnahme des „göttlichen Willens“. Der Antizionismus ist nicht die Verweigerung des Rechts auf einen jüdischen Staat, wie die Verfasser von „Reflexe“ suggerieren wollen, sondern zum einen ein Bestandteil des Streites darüber, wie sich dieser jüdische Staat in die Weltgemeinschaft gleichberechtigt einordnet und zum anderen Bestandteil einer theologischen Debatte.

»Dass aber Israel zuweilen imperialistische Ziele verfolgt hat und verfolgt, ist auf der ganzen Welt unwidersprochen«

Dem Antiimperialismus, ob nun „klassisch“ oder nicht, latenten Antisemitismus zu unterstellen würde bedeuten, dass Antiimperialismus immer auch antisemitisch ist. Das hieße, ein „Ja“ zum Antiimperialismus, aber nur, wenn es nicht um Israel geht, sonst wäre dieses „Ja“ antisemitisch. Dass aber Israel zuweilen imperialistische Ziele verfolgt hat und verfolgt, ist auf der ganzen Welt unwidersprochen und somit aus linker Sicht verurteilungswürdig, zumal dies nicht automatisch die Solidarisierung mit denen bedeutet, die den jüdischen Staat vernichten wollen. Die Kritiker an Israels Politik als Antisemiten zu denunzieren, ist oberflächlich und für die Beurteilung der Situation im Nahen Osten nicht hilfreich.

Für Linke sollte unumstritten sein, dass das palästinensische Volk unser aller Solidarität braucht, auch als Voraussetzung dafür, dass sich ein friedlicher und stabiler Palästinenserstaat entwickeln kann, der in der Lage ist, den selbst ernannten „Gotteskriegern“ der Hamas den ideologischen Nährboden zu entziehen. Diese Solidarität muß zudem den Friedensinitiativen Israels gelten, die sich gegen Expansion, Besetzung und für einen stabilen Frieden in Nahost einsetzen. Mit religiös-fundamentalistischen Rachekriegen wird sich die Spirale der Gewalt allerdings weiter drehen, und die Kalaschnikow in der gelben Standarte der Hizbullah einem friedlichen Symbol wie die Zeder noch lange nicht weichen.

*Brief an Mitglieder der Linksfraktion, Brief an Vorstand

Erste Bild von Ran Z@flickr

Zweites Bild von Zoriah@flickr